Marokkos Milchkühe muhen Deutsch

02.09.11 AHK Marokko - News-Hauptkategorie, Global News, Global AHK News, Global DEint News

Kein Land kauft mehr deutsche Rinder als das Königreich in Nordafrika. Das schwarz-weiße Vieh bringt dort die Milchwirtschaft in Schwung. In der marokkanischen Stadt Taroudant ist die Molkerei schon von Weitem zu erkennen: "Den größten Kühlschrank Afrikas" nennt ein Wachmann die gigantische Lagerhalle. Darin stapeln sich Quark, Pudding und Joghurt: Mit den Produkten beliefert die Genossenschaft Copag 45.000 Einzelhändler und Supermärkte im ganzen Land. Das Vorzeigeunternehmen verdankt seinen Erfolg unter anderem - deutschen Holstein-Kühen. 60 Prozent aller Milchkühe in Marokko sind deutscher Herkunft.

Deutschland exportiert mittlerweile nirgendwohin mehr Rinder als nach Marokko. Im vergangenen Jahr waren es 16.000 Zuchtrinder und mehr als 150.000 Einheiten Rindersperma - ein Rekord. 60 Prozent aller Milchkühe in Marokko sind deutscher Herkunft. Neben China und Indien ist Marokko "der Wachstumsmarkt", sagt Norbert Wirtz, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter.
Wären nicht die roten Lehmmauern, die die Wiesen säumen, auf denen schwarz-weißes Vieh Kamille weidet - man könnte sich in den Hügeln Nordhessens wähnen. Zwar wird Marokko von der Sahara gesäumt; doch "El Niño bringt viele und regelmäßige Regenfälle, das Land profitiert vom Klimawandel", erläutert Wirtz. Auch die Quellen des Atlas-Gebirges lassen fruchtbare Gegenden ergrünen.
Da die Arbeitslosigkeit auf dem Land hoch ist, fördert die Regierung die Milchwirtschaft. Die Tierhaltung sei für den sozialen Zusammenhalt äußerst wichtig, weil zwei von drei Bauern davon leben, sagt Ahmed Bentouhami, Abteilungsleiter im marokkanischen Agrarministerium. "Und die Holstein ist wegen ihrer hohen Leistung der Mercedes unter den Milchkühen." Nur 1000 der 300.000 Milchbauern haben mehr als 20 Kühe. Um über die Runden zu kommen, sind sie auf Genossenschaften angewiesen.

Copag ist die zweitgrößte und erfolgreichste Genossenschaft Marokkos: 12.500 Produzenten - Kleinbauern und Minikooperativen - mit zusammen 50.000 Milchkühen produzieren täglich 700.000 Liter Milch. Ähnlich wie die deutschen Raiffeisen-Verbände versorgt Copag die Mitglieder mit günstigen Produktions- und Futtermitteln, Buchhalterdiensten und Weiterbildung. Das Besondere: Auch ein Bauer ohne Kapital bekommt eine 2000 Euro teure Milchkuh und kann den Preis abstottern.
Eben seien wieder 700 deutsche Kühe in der Hafenstadt Agadir angekommen, sagt Geschäftsführer Zaid Annasser. Frankreich liegt zwar näher, aber Deutschland ist der Lieblingspartner. Das Vieh sei "auf Herz und Nieren erprobt, genetisch auf der Höhe für unser Klima und der Milchleistung anderer Rassen voraus".

Von den Milchmengen europäischer Turbokühe ist Marokko jedoch noch weit entfernt. Weil die Nachfrage wächst, will die Copag ihren Ertrag pro Kuh und Jahr erheblich steigern. Dafür setzt die Kooperative modernes Futter ein: In einem halben Dutzend Stahlsilos lagert ein Kraftcocktail aus Körnern, Vitaminen und Mineralien. "Billiger als vom Weltmarkt", sagt Futtermeister Youssef Faoughar. "Wir produzieren ohne Gewinn." Bis 2015 soll die Hälfte der Copaq-Kühe Futterzusatz bekommen.
Sechs Kilo Zufütterung, der durchschnittliche Bedarf, würden pro Kuh und Tag 1,80 Euro kosten. Bauer Hussein Lakam zweifelt, ob er sich das wird leisten können. Für Investitionen reicht sein Einkommen nicht. "Aber ohne die Kooperative", sagt er, "könnte mein kleiner Betrieb überhaupt nicht überleben."
Derzeit forciert die Regierung eine Modernisierung der Schlachthöfe. Mit der Nachfrage nach Milchprodukten wächst in der Mittelschicht auch der Appetit auf Rind- und Kalbfleisch. Die Holstein wird bald Konkurrenz bekommen: Das braune "Fleckvieh allemande" mit mehr Fleisch auf den Rippen soll der nächste deutsche Exportschlager werden.

Quelle: FTD