Dem hat sich in Marokko die hochkarätige historische Z e i t s c h r i f t z a m a n e Z e i t w w w z a m a n e m a verschrieben Gegründet Ende 2010 behandelt sie im Monatsrhythmus die zentralen historischen Themen des Landes Mit 12 000 verkauften Erstexemplaren war die zunächst französischsprachige Zeitschrift gleich zu Beginn ein Erfolg Seit 2013 gibt es auch eine arabische Ausgabe Es sind junge Journalisten und erfahrene Historiker wie Souleiman Bencheikh Abdellah Tourabi oder Maâti Monjib die die Zeitschrift und ihren deutlich investigativen Stil geprägt haben Die großen Skandale der letzten 50 Jahre werden hier ebenso recherchiert wie die vorkoloniale Geschichte des Landes Der Erfolg einer neuen Zeitschrift wie zamane auf dem riesigen Medienmarkt des Landes ist auch Ausdruck dieses breiten Interesses an der Aufklärung der eigenen Vergangenheit Themen die angeblich Tabuthemen in Marokko sein sollen werden hier bereits auf dem Titelblatt präsentiert Darunter fällt die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Monarchie oder die Geschichte der königlichen Familie ebenso wie die vielen Protestbewegungen und ihre Niederschlagung Es kommen aber auch gesellschaftliche Themen vor wie Warum wir Rassisten sind oder Die Geschichte des Weines ein verbotenes Vergnügen Die Redaktion von zamane steckt viel Aufwand in die Illustrierung seiner Recherchen und arbeitet dabei häufig mit privaten Sammlungen zusammen Immer wieder kann die Redaktion so unbekannte Fotos veröffentlichen Die Selbstkritik von Wissenschaftlern über eine fehlende akademische Geschichtsschreibung der extremen Zeitgeschichte ist erstaunlich So zieht der Doyen der marokkanischen Geschichtswissenschaft Mohamed Kenbib das Fazit dass 100 Jahre Geschichte von 1912 bis 2012 de facto ausgeblendet seien Dies stimmt zwar nicht ganz denn gerade die koloniale Geschichte wird in Marokko prominent bearbeitet aber tatsächlich wird die extreme Zeitgeschichte von 1965 bis heute kaum behandelt und gelehrt Erinnerung ist zu einem umstrittenen Terrain geworden Dies ist wichtig denn nur so kann der staatlich verordneten Sichtweise auf die Vergangenheit eine andere Lesart entgegengesetzt werden Die Stimmen der Opfer ihrer Familien von Journalisten und Historikern sind heute für alle Bürger von Belang um Aufklärung über die Vergangenheit zu bieten aber auch um das zukünftige Verhältnis von Staat und Gesellschaft zu bestimmen Gleichzeitig sind die Opfer darauf bedacht nicht vereinnahmt und Teil einer autorisierten Wahrheit von oben zu werden Gesucht wird ein Staat der sich um die Belange seiner Bürger kümmert und ihnen ein unversehrtes Leben bietet Dies sind die großen Themen die schlussendlich in der Geschichte der Menschheit immer zu Revolutionen geführt haben Dr Sonja Hegasy ist Vizedirektorin des Zentrums Moderner Orient in Berlin KOMMentar CoMMentaire Bilatéral 59 janvier 2015

Vorschau Bilatéral N° 56, Mai 2015 Seite 59
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